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22.5.2012 : 7:21 : +0200

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Hat Südafrika noch eine Chance ?

Maike Potthast mit einem Waisenkind

Maike Potthast schreibt aus Südafrika zum Thema Aids

„ Eins, zwei, drei". Ich sitze in der Stadt auf einer Parkbank und schaue mir die Menschen an, die an mir vorbeigehen. „Eins, zwei, drei", zähle ich wieder und wieder. Schon wieder eine dritte Person... ist sie todkrank? „ Eins, zwei, drei!". Es ist einfach eine schreckliche Vorstellung, denn 40% der Menschen hier in Kwa Zulu Natal, einer südafrikanischen Provinz, sind HIV-positiv. 40%! Das sind sogar mehr als jeder Dritte. „Eins, zwei, drei!".

 

 

Liebe Leser/innen in Flachsmeer,
diesmal schreibe ich etwas über eine Schattenseite Südafrikas. Es soll um das Thema Aids gehen. „AIDS tötet doch nicht! Thandas Bruder und Bafanjana haben Aids, und tot sind sie beide nicht!" Dieser festen Überzeugung ist ein 19-jähriges, gebildetes Mädchen, das bei uns im Dorf wohnt. Ich konnte es kaum glauben, als ich das hörte, aber die Unwissenheit ist leider die traurige Realität hier in Südafrika! Pietermaritzburg liegt in Kwa-Zulu-Natal, der Provinz mit der höchsten Aidsquote in Südafrika.
Warum breitete sich Aids gerade in Südafrika so extrem aus? Warum hat gerade Südafrika weltweit mit die höchste Aidsrate, wo es doch das am weitesten entwickelte Land Afrikas zu sein scheint? Wissenschaftler sind sich einig: Es hat mehrere Gründe. Alle zusammen führen sie zu der erschreckenden Zahl, dass täglich 1700-2000 Menschen neu infiziert werden! Dass die sexuelle Aktivität der meisten schon mit 12 anfängt und dadurch alle Aufrufe zur Keuschheit weltfremd und lächerlich erscheinen, bietet einen ebenso guten Nährboden für die Verbreitung von Aids.
Aids ist aber nicht nur ein Problem in Südafrika, sondern auf der ganzen Welt. Das spezielle Problem hier in Südafrika hängt unmittelbar mit der Apartheid zusammen. In Südafrika gibt es viele Bergbau- und Industriezentren, es herrschte der so genannte ..Industrialisierte Rassenwahn". Es wurden „Bantustans“ (auch Homelands genannt) errichtet, wodurch die Wohn- und Arbeitswelt der Schwarzen getrennt wurden. Diese erzwungene Mobilität entwurzelte Millionen Menschen. Die Männer mussten die Homelands verlassen, um Arbeit zu finden. Viele von ihnen arbeiteten als Lohnsklaven in Goldgruben und Fabriken und mussten säuberlich nach Stämmen getrennt in Hostels oder engen Townships hausen. Durch diese Situation wurden viele Familien, Dörfer und soziale Gemeinschaften zerrissen. Auf einem solchen Trümmerfeld gedeihen natürlich all die Probleme wie Krankheit, Aggression, Alkoholismus, Prostitution, Vergewaltigung usw. sehr gut. ... Hinzu kommen der geringe Bildungsstand, die Unwissenheit und der Aberglaube, der es Aids sehr leicht macht, sich weiter zu verbreiten. ...
Ihr stellt Euch jetzt sicherlich die Frage: „Wie macht sich AIDS denn im ganz normalen Alltag bemerkbar?“ Wir hier bekommen so gut wie gar nichts davon mit, denn es wird immer noch viel verschwiegen und geleugnet. Zudem sieht man HIV-positiven Menschen ihre Erkrankung nicht an, und die Menschen, die schwer krank sind, sterben ja auch nicht auf der Straße, sondern zu Hause, ganz still und heimlich an AIDS! Ich habe schon von vielen Beerdigungen hier gehört, doch es ist angeblich noch nie einer an Aids gestorben, immer war es “Tuberkulose, Durchfall oder Lungenentzündung.” Es wird einfach nicht die Wahrheit gesagt, und man fragt auch nicht danach. Ab und zu sieht man beim Einkaufen mal jemanden mit dem für AIDS so typischen Hautkrebs, aber das war es dann auch schon. Fährt man jedoch mit Sister Happiness nach Maquonqo, dem ländlichen Gebiet hinter Pietermaritzburg, kann man die Folgen von Aids erst richtig sehen. Sister Happiness fährt jede Woche ein paar mal dorthin, um Familien zu unterstützen, die von Armut und Tod betroffen und auseinander gerissen wurden. Es ist ein wichtiger und wertvoller Teil dessen, was hier in der Kenosis Community gemacht wird. So unterstützt Happiness z. B. eine Familie, in der nur noch die 9 Kinder am Leben sind. Das älteste Kind (17 Jahre) hat selber schon ein Baby, und ihre 13jährige Schwester ist gerade zum ersten Mal schwanger! Oft haben sie tagelang nichts zu essen, dann bringt Sister Happiness ihnen etwas mit. Ebenso werden sie auch mit Kleidung versorgt und bei den Behördengängen unterstützt. Über 100 solcher Familien hilft Sister Happiness auf diese Weise. Und was ist mit den Eltern, wo sind sie? Gestorben, vermutlich an AIDS. Doch keiner sagt etwas! ...
Hat Südafrika noch eine Chance? Nur dann, denke ich, wenn es viele wunderbare Menschen gibt, die sich engagieren, gegen Aids und für die Menschen. So, wie zum Beispiel Sister Happiness. ...
Im Verlaufe meiner Beschäftigung mit dem Thema Aids bemerkte ich, wie komplex und schwierig dies Thema ist! Ich konnte in diesem Bericht leider nicht alles sagen, was wichtig gewesen wäre, denn dann wäre es wohl ein Buch geworden. Ich hoffe, ich konnte Euch trotzdem ein wenig zeigen, wie schlimm es ist und dass man nicht einfach sagen kann „Sie sind doch selbst schuld, warum benutzen sie keine Kondome". Aids, das ist die riesige Schattenseite eines wunderschönen Landes mit einer großartigen Kultur, wunderbarer Musik, einer atemberaubenden Tierwelt, langen, weißen Sandstränden, grünen Hügellandschaften, endloser Savanne und vielen freundlichen Menschen. Und ich hoffe, dass es möglich sein wird, diese schreckliche Krankheit irgendwann in den Griff zu bekommen!

Liebe Grüße aus Südafrika
sendet Euch Maike