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22.5.2012 : 7:40 : +0200

Gemeindebrief

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Käßmann: Kirchen als Zeichen der Hoffnung

Autogrammstunde nach dem Vortrag - Pastorin Margot Käßmann
Ökumenische Reisegruppe - unterwegs zum ökumenischen Kirchentag

Ökumenischer Kirchentag in München

“Wie war es in München?”, bin ich dieser Tage oft gefragt worden. “Beeindruckend und kalt”, war dann oft meine Antwort. So kann man diese Tage wohl beschreiben. Bei 8 Grad und Dauerregen hörten über 40.000 Teilnehmer den Wise Guys auf der Theresienwiese zu - und wir waren mittendrin. Und ich machte wieder einmal eine alte Erfahrung neu: Wenn man erst mal richtig nass ist, dann stört der Regen nicht weiter. Und so ist es wohl zu erklären, dass die Stimmung an diesem Abend der von den Sommerabenden in Köln oder Bremen in nichts nachstand. Überhaupt trotzte unsere 64-köpfige Reisegruppe den widrigen Witterungsbedingungen: Auch bei den gefühlten Minusgraden während des großen Abschlussgottesdienstes war sie fast komplett anwesend. Dies war für mich ebenso beeindruckend wie die Tatsache, dass wir diese Fahrt als eine ökumenische organisieren konnten. Beeindruckend auch der Wunsch, der in München wieder und wieder geäußert wurde: Wir möchten gerne gemeinsam Abendmahl feiern. Nicht, dass das Verständnis des Abendmahls dabei bis ins letzte Detail in allen Konfessionen gleich sein müsste,  sondern dass man sich gegenseitig das Gastrecht beim Abendmahl gewähren könnte, das wünschten die Menschen sich.

Beeindruckend auch der Vortrag von unserer ehemaligen Bischöfin Margot Käßmann, den ich am Sonnabend Vormittag besuchte. Allein schon der Empfang war bewegend. Über 8000 Menschen hatten zum Teil mehrere Stunden in der Halle auf sie gewartet und begrüßten sie schließlich mit lang anhaltendem Applaus.

Frau Käßmann schien dieser Applaus gut zu tun. Aber sie kürzte ihn auch ab, indem sie bald mit ihrem Vortrag begann: ‚Sind die Kirchen ein Zeichen der Hoffnung in der Welt?’. Dabei blieb sie ihrer klaren Sprache und ebenso klaren Gedankenführung, wie man sie aus anderen Vorträgen kannte, treu. Überhaupt hatte ich den Eindruck, sie redet jetzt nicht anders als in der Zeit, in der sie Bischöfin war. Vielleicht etwas freier und pointierter, nicht so sehr durch das Amt und die damit nötigen Rücksichtnahmen eingeschränkt; in der Sache jedoch nicht anders.

So hat sie sich auch noch einmal auf die Kritik Reinhold Robbes bezogen, der in einer Zeitung mit einer etwas süffisanten Bemerkung so zitiert worden ist: “Frau Käßmann solle sich doch mit den Taliban in ein Zelt setzen und bei Kerzenlicht beten.” Margot Käßmann sagte in ihrem Vortrag dazu: “Viele haben das als Beschimpfung wahrgenommen. Manche in der Kirche meinten, das müsse ’zurechtgerückt’ werden, um zu zeigen, dass die Kirche um den Pragmatismus dieser Welt  weiß. Ich sage aber noch einmal und im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte wohlgemerkt: Vielleicht würden die Kirchen gerade so zu Zeichen der Hoffnung der Welt. Weil sie Geist und Logik und Praxis des Militärischen durchbrechen! Und vielleicht wäre gerade das eine Form, die auch der Kultur Afghanistans entspricht: sich zusammensetzen und reden. Viele werden mich wieder belächeln. Das nehme ich in Kauf …”

Im Weiteren führte sie an einer Arbeit von Markus Weingardt aus, dass religiös motivierte Akteure weltweit in besonderer Weise und mit besonderem Erfolg zur Verminderung von Gewalt in politischen Konflikten beitragen. Käßmann: “Wer die vierzig (!) Beispiele aus aller Welt in Weingardts Studie liest, kann nur staunen über so viel real existierende Fantasie für den Frieden! Vieles davon wird öffentlich kaum wahrgenommen. Was wissen wir eigentlich über die Vermittlungsbemühungen in Sambia oder Nicaragua, auf Sri Lanka oder im Kongo? Nehmen wir überhaupt wahr, was religiös motivierte Vermittler dort leisten?” Mich jedenfalls haben dieser Gedanke und der Vortrag tief beeindruckt, und er sollte uns  nachdenklich machen und fragen lassen, ob die aktuelle Friedenspolitik wirklich alternativlos ist.

Am Sonntagmittag machten wir uns dann jedenfalls voll guter Eindrücke wieder auf den Heimweg. Gemeinsam mit 150.000 anderen Dauerteilnehmern und noch viel mehr Kurzurlaubern, die an diesem Sonntag wie wir die Autobahnen nutzen wollten. Die waren dann auch prompt verstopft. Um kurz nach zwei Uhr nachts kamen wir schließlich in Flachsmeer wieder an. Alles in allem aber war dieser Kirchentag beeindruckend, trotz kalter Witterung und mancher Anstrengung. Um es mit den Wise Guys zu sagen: Das war’s wert.

Andreas Hannemann

 

1) Markus Weingardt. Das Friedenspotential von Religionen, unveröffentlichtes Manuskript Juni 2006. Wer den Vortrag von Frau Käßmann nachlesen will, findet ihn im Internet unter www.flachsmeer.de. In der Rubrik Gemeindebrief werden wir ihn entsprechend verlinken.