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22.5.2012 : 7:58 : +0200

Gemeindebrief

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Minus-Wachstum

Den schlechten Nachrichten aus der Wirtschaft entrinnt im Moment niemand. Vom Autohändler über den Bankmanager, vom einfachen Arbeiter bis zum Kleinanleger - jeder ist auf seine Weise betroffen. Dabei geht es den allermeisten in unserer Region noch gut. In Süddeutschland sind bereits deutlich mehr Menschen von Kurzarbeit betroffen; in den Vereinigten Staaten haben viele Menschen infolge der Krise ihr Haus verloren. In Polen verzweifeln Stahlarbeiter, weil sie seit Wochen keinen Lohn erhalten haben, und in China kommen arbeitslose Wanderarbeiter nur notdürftig in Massenunterkünften unter. Die Wirtschaftsleistung schrumpft weltweit. Und die Menschen spüren die Folgen. Niemand ist sich mehr sicher, wie er aus dieser Krise hervorgehen wird.

Mir fällt in diesen Tagen die Sprache auf, mit der dieses Phänomen beschrieben wird. Es sei ein Minus-Wachstum, wird vielerorts formuliert. Allein die Suchmaschine Google weist für die Worte „Minus-Wachstum“ oder „Minuswachstum“ knapp 20.000 Treffer aus.

Warum wählen Menschen dieses Wort? „Schrumpfen“, „Rückgang“ oder „Minderung“ würde die Sache doch richtiger beim Namen nennen. Man kann sicher gute Gründe aus der Wirtschaftstheorie für diese Wortwahl anführen. Ein Grund mag aber auch psychologischer Natur sein: Es fällt immer noch leichter, über ein Wachstum zu reden - wenn auch ein negatives -, als das Schrumpfen direkt beim Namen zu nennen.

Als Menschen können wir schlecht damit umgehen, dass es etwas weniger wird. Das kann man in vielen Bereichen des Lebens sehen. Besitz, Ausbildung und Beruf, Gesundheit, Freizeitgestaltung - immer soll es bergauf gehen. Selbst ein Stillstand wird oft als Rückschritt empfunden. Aber das Leben ist anders. Wir werden es immer wieder spüren, dass es ein "Weniger" gibt. Die Ehrlichkeit Jesu an dieser Stelle tut gut. Er hat auch dies offen beim Namen genannt. Er sagte seinen Jüngern, dass es nicht immer bergauf gehen wird; offen sprach er von seinem Tod. Und als Petrus das nicht wahrhaben wollte, wies er ihn hart zurecht. (Matthäus 8,31-35)

Es ist nie einfach, mit einem Weniger zurechtzukommen. Auch die Jünger, deren Glaube nun wirklich durch viele gute Erlebnisse gestärkt war, weinten und trauerten, als Jesus starb. Es macht aber einen Unterschied aus, ob wir unser ganzes Lebensglück von einem ständigen Wachstum erwarten, oder ob wir wissen, dass unser Leben noch an einer ganz anderen Stelle getragen ist. Die Botschaft Jesu ist klar und einfach: Die Liebe Gottes trägt dich, auch auf Wegen durch finstere Täler, auch in Zeiten, in denen es nicht bergauf geht. Dieser Glaube hilft, mit einem 'Weniger' zu leben. Und manch einer macht die Erfahrung, dass gerade die Zeiten, in denen er weniger hatte, ihn reicher machten.

Die Passionszeit, die Zeit vor Ostern, ist in unseren Kirchen traditionell vom "Weniger" bestimmt. In ihr können wir das Verzichten einüben. Machen Sie doch auch mit. Verzichten Sie an einer Stelle auf lieb gewordene Gewohnheiten oder Nahrungsmittel. Es ist eine gute Übung für das Leben, nicht nur in Zeiten der Wirtschaftskrise.

Mit einem herzlichen Gruß in jedes Haus
Andreas Hannemann