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22.5.2012 : 8:23 : +0200

Gemeindebrief

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Mit Verstand beten

Ich will nicht nur im Geist beten, sondern auch mit dem Verstand.“ So schreibt Paulus im 1. Korintherbrief 14,15. Das ist schon eine seltsame Formulierung. Gehen doch gemeinhin alle erst einmal davon aus, dass Glaube und Verstand nicht viel miteinander zu tun haben. „Not lehrt beten“ heißt doch: Wenn "ich mit meinem Latein am Ende bin", wenn ich mit meiner Kraft und mit meinem Verstand nicht mehr weiter weiß, dann erst kommt das Gebet.

Ich will nicht nur im Geist beten“, sagt Paulus. Als Spruch für den Monat Mai wird uns dieser Vers also auch an den Pfingsttagen begleiten. Pfingsten ist das Fest des Geistes. An Pfingsten wussten die Jünger nicht mehr weiter. Sie saßen ängstlich in Jerusalem und waren mit "ihrem Latein am Ende". Und dann, so erzählt Lukas, gab es ein gewaltiges Brausen und Feuerflammen. Der Geist Gottes erfüllte alle. Was dann folgte, war der Beginn einer großen Bewegung, die Geburtsstunde unsere Kirche. Wie kann Paulus dann sagen: „Ich will nicht nur im Geist beten“, wo der Geist Gottes doch so viel geschenkt hat? Ich glaube, er hat guten Grund dazu. Diesen Grund habe ich vor langen Jahren in einer Begegnung in Israel entdeckt.

Ich war seinerzeit als Student Anfang der 80er Jahre dort. Ich verdiente meinen Lebensunterhalt durch Arbeit in einem Kibbuz und unternahm manche Tour, um die heiligen Stätten kennen zu lernen. Bei einer dieser Fahrten schloss ich mich einer christlichen Reisegruppe aus Japan an, die die gleichen Reiseziele hatte wie ich. Auf dem Weg zum See Genezareth wollten sie einen Abstecher machen, zu einem Heiligtum, das Maria Magdalena zugeschrieben wurde. Gern begleitete ich sie auch dorthin.

Dieses Heiligtum bestand eigentlich nur aus einem kleinen Raum, in dem man nicht einmal stehen konnte. Wir zwängten uns mit 8 Personen hinein. Sie würden gerne beten, sagten meine japanischen Reisebegleiter. Ich könne draußen warten, oder dabei sein, wie ich wolle. Ich wollte natürlich dabei sein, aber bald bereute ich meinen Entschluss.

Das Gebet fing ganz ruhig an, auf englisch. Dann sprach einer japanisch,  ein anderer übersetzte für mich. Aber nach und nach wurde es immer unverständlicher und lauter. Alle sprachen und riefen durcheinander, und ich bin sicher, es war weder englisch noch japanisch, was sie da sprachen. Es war so unheimlich, dass ich den Raum verließ. Ich fühlte mich damals sehr unwohl. Hinterher erklärten sie mir, dass sie "im Geist" gebetet hätten. Der Geist Gottes hätte ihnen diese Gebete direkt eingegeben. Und ich verstand, warum ich mich so unwohl fühlte. Denn mit dieser Art zu beten hatten sie mich ausgeschlossen.

Nun sagt Paulus, er möchte mit Verstand beten. Ich fasse das so auf: Er möchte selber verstehen, was er betet, und er möchte, dass andere verstehen, was und wie er betet. Darauf kommt es an. Dass wir mit unserer Art der Frömmigkeit niemanden ausschließen. Unsere Art zu glauben und zu beten soll einladend und verständlich sein.

Nichts anderes ist übrigens zu Pfingsten auch passiert. Der Geist und das Brausen des Geistes waren vielleicht zunächst unverständlich. Aber am Ende führte der Geist Gottes dazu, dass die Menschen sich untereinander verstanden haben. Der Geist Gottes hat das Verstehen geschenkt. Er möge uns schenken, dass wir mit Verstand beten.

Andreas Hannemann

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