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6.2.2012 : 13:05 : +0100

Teil 1: Weltgeschichte, die Spuren hinterlässt

Reinert Giere
Reinert Giere

Um die Struktur und Organisation der Evangelischen Kirche zu verstehen, muss man weit in die Vergangenheit gehen.

Angefangen hat die Geschichte der Kirche mit dem "herumziehenden Hebräer" Abraham ca. 1800 v. Chr. Mit ihm verehrte eine zunächst kleine Gruppe den Gott, der den Menschen Lebenswege eröffnet, sich auf die Seite der Schwächeren stellt und nur durch Vertrauen erfahrbar wird.

Nach ca. 1800 Jahren rüttelte der Jude Jesus an den Strukturen dieses Glaubens. Eine zunächst kleine Gruppe erkannte in Jesus die Nähe und Wirksamkeit Gottes selbst. Aber die von den Mächtigen der Welt legitimierte Ermordung dieses Menschen setzte seinem Wirken ein scheinbares Ende. Ein mit dem Wort "Auferstehung" umschriebenes Ereignis überwand die Lähmung der Freunde Jesu und begründete ein vertieftes Verständnis Gottes und seiner Weise zu wirken. Sie bekannten sich zu Jesus als dem Christus, dem Stellvertreter Gottes.

In den Jahren 30 - 60 n. Chr. trug Paulus diesen Glauben über die jüdischen Gemeinden hinaus, hinein in die griechische Umwelt. Es entstanden Gemeinden über Damaskus und Antiochia, weiter über die spätere Türkei bis zur griechischen Ostküste und schließlich auch bis nach Italien. Aus einer jüdischen Sekte wurde eine neue „Weltreligion“.

Noch waren es einzelne Gemeinden, die sich selbst verwalteten und durch die Apostel und deren Briefe organisiert wurden.

Im 4. Jahrhundert wurden die ursprünglich kleinen und weit verstreuten christlichen Gemeinden durch den römischen Kaiser Konstantin zur neuen Staatsreligion, die sich über Gemeindeleiter und Bischöfe organisierte und als obersten Leiter und Repräsentanten den Papst wählte. Im Jahre 1054 spaltete sich die östliche Kirche von der papstdominierten "allgemeinen" Kirche ab und ging als "orthodoxe" Kirche einen eigenen Weg.

Weitere 500 Jahre später führte eine Rückbesinnung auf die biblischen Berichte des Wirkens Gottes in Jesus Christus zu einer weiteren Spaltung innerhalb des Christentums. Kritikpunkte waren Verweltlichung, Reichtum und üppiges Leben der oberen Geistlichen, gleichzeitig aber auch die Unwissenheit und Ungebildetheit der unteren Geistlichen und die Unmündigkeit der Laien im kirchlichen Leben. Auch trug die ständige Ausbeutung der einzelnen Kirchenglieder durch Gebühren, Türkenzehnten und Ablassgelder, die in einem stetigen Strom nach Rom flossen, zur allgemeinen Unzufriedenheit bei. Die Unzufriedenheit wuchs noch an, wenn Romreisende Sensationelles oder Skandalöses vom Prunk- und Lasterleben am päpstlichen Hof zu berichten wussten.

Das Ringen um die Wahrheit und Freiheit des Glaubens fand zunächst in einzelnen Gemeinden und schließlich in ganzen Fürstentümern eine neue Gestalt. Aus den Protestanten, die sich auf das Evangelium beriefen, wurde die evangelische Kirche in lutherischer oder reformierter Prägung. Eine der wichtigsten Gestalten dieser Bewegung war Martin Luther.

Es war an der Zeit, der Kirche in den lutherischen Gebieten eine neue Ordnung zu geben. Da die Bischöfe, die noch amtierten, dafür nicht in Frage kamen, wandte Luther sich an die weltliche Obrigkeit. Der jeweilige Landesherr sollte „Notbischof“ werden und eine neue kirchliche Obrigkeit errichten. Das war die Geburtsstunde der evangelischen Landeskirche. Eine Verwaltungsbehörde (Konsistorium), dem weltliche und geistliche Beamte angehören, übernahm die eigentliche Leitung der Kirche. Sie ernannte die Pfarrer der einzelnen Gemeinden. Diese sollten im Gottesdienst die reine Lehre verkünden, die Sakramente (Taufe und Abendmahl) verwalten und für die rechte christliche Ordnung in der Gemeinde sorgen. Die meisten Pfarrer heirateten nach Luthers eigenem Beispiel und gründeten eine Familie. Das evangelische Pfarrhaus entwickelte sich immer mehr zum religiösen und kulturellen Mittelpunkt der Gemeinden.

Die Notwendigkeit, christliche Inhalte auch in staatlichen Strukturen auszugestalten und das Wissen um die Eigenmächtigkeiten, die sich in solchen Strukturen entwickeln, prägen die evangelische Kirche bis heute. Sie organisiert sich deshalb von unten, von den Ortsgemeinden aus, die sich zumeist in den Gebietsgrenzen der heutigen Bundesländer zu Landeskirchen zusammengeschlossen haben. Darin tragen die Gemeindeglieder aber weiterhin selbst die Verantwortung zur Gestaltung des Glaubens. Sie übertragen die Leitungsfunktionen demokratisch gewählten Gremien, und nur durch ausführliche Diskussion kommt es zu Entscheidungsfindungen, die dann zwar eine hohe Verbindlichkeit für die evangelische Kirche haben, aber nie über der Gewissensfreiheit des einzelnen Gemeindegliedes stehen.

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Reinert Giere