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6.2.2012 : 13:01 : +0100

Ich lebe, und ihr sollt auch leben

 

Auf dem Weg von Loccum nach Hannover entwickelt sich auf dem Rücksitz meines Autos ein aufgeregtes Gespräch zwischen zwei Kolleginnen von mir. Es geht um das neue Jahr, und was uns wohl erwartet in der nächsten Zeit. Irgendwann seufzt eine von ihnen frustriert:
„Ach, und das mit den neuen Vorsätzen klappt auch nie. Ich nehme mir schon gar nichts mehr vor, das bringt doch nichts“. Das Gespräch bricht beim Umsteigen in die Bahn ab.

Später, als ich in der Marktkirche sitze und mir die Sterne anschaue, die mit Scheinwerfern an die Decke projiziert sind, gehen mir ihre Worte noch einmal durch den Kopf. Und ich denke: „Schade für sie. Denn eigentlich steckt doch eine ganz grundsätzliche Frage dahinter, wenn wir über gute Vorsätze für das neue Jahr nachdenken: Wie soll mein Leben eigentlich aussehen, damit es mir gut geht? Die Sterne an der Decke leuchten auf, erlöschen und leuchten wieder. Was ist überhaupt ein gutes Leben?“

Leise Musik ist jetzt in der Kirche zu hören, dabei tauchen vorne auf der Leinwand Bilder auf, wechseln sich ab und verschwinden wieder. Lauter Nahaufnahmen: Tau auf Blättern, Eisblumen am Fenster, Tannenzapfen, eine Kerzenflamme. Ich denke an den lebendigen Gott. Er schenkt uns unser Leben, wir leben mitten in seiner Schöpfung. Wenn die Kirchentür kurz offen ist, weil Menschen hinein oder hinaus gehen, hört man die Geräusche der Fußgängerzone vor der Tür. Hinter mir beschwert sich eine Frau flüsternd über den Krach. Mich stört er nicht, für mich gehört das genauso zum Leben wie das andächtige Schweigen in der Kirche.

Die Andacht ist zu Ende, das Licht wird wieder etwas heller. Die Menschen um uns herum stehen auf, ziehen ihre Jacken an, nehmen ihre Einkaufstüten in die Hand. Viele haben ein Lächeln im Gesicht. Sie werden etwas mitnehmen. Das schöne Gefühl, ein bisschen von Gott gespürt zu haben. Ich lebe und ihr sollt auch leben, sagt Christus (Johannes 14,19). Mit unseren Wünschen und unseren eigenen Vorstellungen, wie es sein soll, das Leben. Vielleicht ist das ein guter Vorsatz für das neue Jahr.             

Gudrun Schwabe