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Das Gute tun
Wer das Gute tun kann und tut es nicht, der sündigt. Jakobus 4,17
MONATSSPRUCH November 2007
An einem eiskalten, bedeckten Wintertag des Jahres 1975 wurde ich - im Alter von zwölf Jahren - zu dem, der ich heute bin." So fängt das Buch 'Drachenläufer' an, das seit 2005, gut ein Jahr nach seinem Erscheinen im November 2004, ununterbrochen auf der Spiegel-Bestseller-Liste steht.
Der Autor, Khaled Hosseini, erzählt darin von einer Freundschaft zweier Jungen im Afghanistan der sechziger und siebziger Jahre. Und er erzählt von einem kleinen Jungen, der seinem besten Freund an einem wichtigen Tag nicht hilft. Dass er nicht hilft, ist nur zu verständlich, denn der kleine Junge hat Angst, und er ist im Grunde genommen machtlos. Es ist nur ein einziger Tag, und es ist nur ein einziger Augenblick, und doch verändert dieser Augenblick alles und prägt das weitere Leben der beiden bis ins Erwachsenenalter hinein.
Der Drachenläufer gehört zu den Büchern, die so spannend sind, dass man sie nicht schnell wieder aus der Hand legen kann. Das liegt unter anderem daran, dass man das Gefühl dieses Jungen kennt und versteht. Es gibt Momente, da weiß man, was zu tun ist und macht es trotzdem nicht. Die Gründe dafür können vielfältig sein und sind allesamt nachvollziehbar, aber dennoch handelt man falsch. Und am Ende bleibt dieses Gefühl: Ich wusste genau, was ich hätte tun müssen und tat es doch nicht.
Dieses Gefühl nimmt der Jakobusbrief in einem Vers auf. "Wer das Gute tun kann und tut es nicht, der sündigt (Jakobus 4,17)." Ein einfacher und klarer Satz. Und eine einfache und klare Absicht, in der er gesagt wird. Unser Denken wird oft genug von einem Ich-habe-mir-nichts-zuschulden-kommen-lassen geprägt. Und das ist ja eigentlich schon viel wert, wenn ein Mensch nichts Unrechtes tut.
Aber das reicht nicht, sagt Jakobus. Es ist nicht genug, bestimmte Dinge nicht zu tun. Manchmal ist es eben wichtig, etwas zu tun. Denn: Wer das Gute tun kann und tut es nicht, der sündigt. Warum dieser Satz? Weil Jakobus weiß, dass es Situationen gibt, in denen wir gefordert sind. Es gibt Situationen, da kann nur ich helfen, da bin ich gefragt, das Richtige zu tun. Eine Stelle im Leben, an die Gott mich gestellt hat und an der ich mit dem richtigen Tun Gutes bewirke. Und wenn ich es nicht tue, geschieht es vielleicht gar nicht. Deshalb diese Eindringlichkeit des Jakobus'.
Wir werden in der Absicht, das Gute zu tun, immer wieder scheitern. Wir sind auf Gottes Vergebung angewiesen und darauf, dass andere uns verzeihen. Wir brauchen immer wieder die Gnade eines neuen Anfangs. Der Erzähler aus dem Buch von Khaled Hosseni findet am Ende einen Weg, das Versäumnis von damals ‚wieder gutzumachen'. Man spürt: So ein Neuanfang ist eine große Gnade Gottes.
Dass diese Gnade Gottes in allem Scheitern gilt, ist die große Kraft unseres Glaubens. Entfalten wird sie sich, wenn wir den Satz des Jakobus' beherzigen. Vielleicht zunächst nur mit Worten, die bekannter sind, aber die auf ihre Weise etwas ganz Ähnliches ausdrücken. Sie sind von Erich Kästner: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.
Andreas Hannemann, Pastor

